Die Inschriften der Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit stellen insofern eine Besonderheit dar, als die auf ihnen vorkommenden Zeichen verschiedenen Kategorien (Runenschrift, Lateinschrift, Beizeichen, Ornamente, Bildelemente) zugeordnet werden können. Während die Identifikation bei vielen Zeichen keine Schwierigkeiten bereitet, ist die Zuordnung bei einigen unklar.  Dabei stellen sich verschiedene Fragen: Handelt es sich um ein  Schriftzeichen oder liegt ein Beizeichen, Ornament oder Bildelement vor (Schrift oder Nicht-Schrift)? Ist das Zeichen ein „echtes“ Schriftzeichen oder handelt es sich um Schriftimitation (Schrift oder Schriftimitation)? Um welche Schrift handelt es sich (Runen- oder Lateinschrift)? Insbesondere die Frage, ob es sich um Runen oder lateinische Kapitalis handelt, ist im Einzelfall oft schwierig zu entscheiden, da sich bestimmte Zeichenformen gleichen (z.B. die g-Rune und das Kapitalis-oder X, die ältere Form der e-Rune und das Kapitalis-M) oder in ihrer individuellen Ausführung ähneln (z.B. die h-Rune und das Kapitalis-N).

Die meisten Forscher gehen bei der Beurteilung der fraglichen Zeichen eher unsystematisch vor und/oder machen die Zuordnung von einer (möglichen) sprachlichen Deutung der Inschrift abhängig. In dem Vortrag soll in einem ersten Schritt versucht werden, die einzelnen Meinungen und Argumente am Beispiel bestimmter Inschriften näher zu beleuchten. In einem zweiten Schritt soll es darum gehen, mögliche formale Unterscheidungskriterien zu erarbeiten, wobei graphische Merkmale (runde vs. eckige Formen, Vorhandensein von Serifen) und kontextuelle Merkmale (Vergleiche mit den anderen auf dem Brakteaten vorkommenden Zeichen) im Vordergrund stehen sollen.