Die meisten Editionen von Runeninschriften bieten neben einer Transliterierung der Inschrift (Umsetzung der Runen in eine Schrift mit lateinischen Zeichen und Hilfszeichen) auch eine Transkription in eine landessprachliche Sprache an. Dieses Verfahren ist auch von Handschrifteneditionen bekannt, wo man dann von Normalisierung spricht. Im Lauf der Forschungsgeschichte hat sich z. B. für das Altisländische des Hochmittelalters eine genormte Orthographie entwickelt. Sie wird dort problematisch, wo Texte des Hochmittelalters in Handschriften überliefert sind, die bis zu 400 Jahre älter sind. Hier wird neben der Anwendung einer genormten Orthographie auch eine Rückprojizierung des Textes vorgenommen. Deshalb haben etliche Ausgaben sich entschieden, nur einen sog. diplomatischen Text, also eine Transkription zu liefern.

Die Situation für die Runologie ist different: Runeninschriften sind zeitnah zu ihrer jeweiligen Sprache. Aber selbst wenn es gelingt, eine Inschrift auf einen Zeitraum von etwa 50 Jahren zu datieren, erhebt sich die Frage, welche Sprache man für die Transkription verwenden soll. Anders als in der Editionspraxis der altisländischen Texte gibt es keine „Normalsprache“ in die man die Texte überführen könnte. Soll man ein genormtes Altdänisch, Altschwedisch etc. erschaffen, oder doch der regionalen und zeitlichen Sprachvariante versuchen näher zu kommen? Dabei wird man auf die bestehenden Sprachgeschichten zurückgreifen wollen. Doch, wenn Runentexte die einzige schriftliche Überlieferung sind, besteht die Gefahr eines circulus vitiosus. Denn die Inschriften sind zugleich auch Zeugnisse für die Sprachgeschichte, die man gerne als Quelle der Vorstellung einer Sprache einer Epoche heranziehen möchte, um die Inschriften zu transkribieren.  Einfacher wird es allerdings, wenn neben der runischen Schreibtradition noch andere Quellen der Sprachgeschichte, z. B. Handschriftentexte zur Verfügung stehen.

Ein extremer Fall von Normalisierung liegt vor, wenn man schwed., norw., oder dän. Inschriften in die altisländische Normalorthographie überführt. Obwohl man auf den ersten Blick diese Praxis, wie sie z. B. in rundata geübt wird, verwerfen möchte, sollte man überlegen, ob es nicht doch dafür Argumente gibt.

Eine weitere Problematik ergibt sich dann, wenn man bedenkt, dass wir oft von unausgesprochen und damit auch oft unreflektierten Vorannahmen hinsichtlich der Zeichenfunktion von Schriftzeichen ausgehen. Ist eine phonetische Adäquatheit überhaupt intendiert? Gibt es Schreibtraditionen, die die Vorstellung beeinträchtigen, die wir uns von der Sprache eines Denkmals machen?