Obwohl die Runenschrift in der Frühneuzeit auf Island als verpönt und verdächtig galt – wie uns Björn Jónsson in seinem Samtak um rúnir (1642) unterrichtet – vermehren sich ausgerechnet im 18. und 19. Jh. die Runeneinträge in isländischen Handschriften.

Dort stellen sie ein sekundäres Phänomen dar, das trotz Übereinstimmungen mit der gelehrten Tradition aus Skandinavien in mancherlei Hinsicht eine einzigartige Ausprägung aufweist.

In den isländischen runica manuscripta der Frühneuzeit etabliert sich somit eine gesonderte Tradition, bei der zusätzliche Zeichen hinzugefügt werden oder aber ‘Standardrunen’ umgewidmet werden. Als Beispiel sei die symmetrische u-Rune der Epigraphik erwähnt, die auf Island grundsätzlich als y-Rune angesehen wird, oder die linksläufige k-Rune als Zeichen für q.

Da die Alphabetrunen des Öfteren in mehr oder weniger umfangreichen Schriftsammlungen aufgeführt werden, bei denen die meisten Reihen als rúnir bzw. málrúnir  bezeichnet werden, stellt sich zunächst die Frage, ob eine Alphabetreihe echte Runenzeichen belegt und als Runenreihe insgesamt identifiziert werden kann.

In manchen Fällen handelt es sich um eine Mischschrift, bei der Runen zusammen mit runenähnlichen und erfundenen Zeichen stehen. ‚Ungenauigkeiten’ und Fehler können auf Unkenntnis des Schreibers basieren oder auf Zeichenvarianten, die anderswo unbekannt waren.

Man benötigt also einen Überblick über die gesamte Überlieferung, um entscheiden zu können, welche Einträge überhaupt in das Corpus der runica manuscripta aufgenommen werden sollen, und um dementsprechend damit operieren zu können.